Deutsch-Schwedischer Verein
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DEUTSCH-SCHWEDISCHER VEREIN GREIFSWALD E.V.
      
               Katastrophen, Seuchen und Mord in Schweden - Folge 9

Der internationale Terrorismus erfasst Schweden


Spektakuläre Morde trafen in den ersten Jahrzehnten nach dem II. Weltkrieg zwei der
bekanntesten Persönlichkeiten des Landes: Am 17. September 1948 wurde Graf Folke
Bernadotte, UNO-Vermittler im Palästinakrieg, in Jerusalem von israelischen Extremisten erschossen. Und am 17. September 1961 kam der schwedische UNOGeneralsekretär
Dag Hammarskjöld während des Kongokonflikts durch einen mysteriösen Flugzeugabsturz ums Leben. Beide Ereignisse geschahen in damaligen großen Konfliktsituationen.
Erst in den 70er Jahren wurde Schweden direkt vom Terrorismus erfasst. Am 7. April 1971 schlug die kroatische Ustascha-Bewegung zu. Zwei Kroaten - Miro Baresic und Andjelko Brajovic - ermordeten den jugoslawischen Botschafter in Stockholm in seinem Arbeitszimmer. Sie wurden rasch gefasst und zu lebenslangem Gefängnis verurteilt.
Dieser Mord hatte noch nichts mit Schweden zu tun. 1972 jedoch wurde ein Inlandflugzeug der SAS auf dem Flughafen Bulltofta gekapert. Die Gangster forderten die Freigabe der beiden kroatischen Mörder und von fünf weiteren inhaftierten Kroaten, anderenfalls drohten sie, das Flugzeug zu sprengen. In Verhandlungen gelang es den Schweden, das Drama abzuwenden: die Geiselnehmer konnten mit einem Flugzeug und mit ihren Landsleuten nach Madrid ausfliegen.
Nur ein Jahr später - am 23. August 1973 - kam es zu einem über fünf Tage anhaltenden Geiseldrama in Stockholm. Ein bewaffneter Gangster hatte in der Kreditbank am Norrmalmstorg vier Personen in seine Gewalt gebracht und sie in dem Bankgewölbe eingeschlossen. Seine Forderung: eine hohe Lösesumme und ein schnelles Auto. Fünf Tage und Nächte glich der Platz einem Heerlager. Nachdem es der Polizei gelungen war, ein Loch in das Bankgewölbe zu bohren und Gas einströmen zu lassen, gab der Geiselnehmer auf. Dieser spektakuläre Banküberfall erhielt in der Wissenschaft den Begriff Stockholm-Syndrom, denn die Opfer hatten Sympathie für den Täter empfunden; in den fünf Tagen hatte sich sogar ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt.
Am 24. April 1975 waren sechs Mitglieder der Roten Armee-Fraktion in die Botschaft der BRD in Stockholm gelangt und hatten sich in der oberen Etage mit zwölf Botschaftsangehörigen als Geiseln verschanzt. Ihre Forderung an die Regierung der BRD: unmittelbare Freilassung von 26 in der BRD inhaftierten Terroristen, vor allem der führenden Köpfe der Baader-Meinhof-gruppe im Gefängnis Stammheim, andernfalls würden die Geiseln eine nach der anderen hingerichtet. Bundeskanzler Helmut Schmidt wies diese Forderung umgehend zurück. Als schwedische Polizei in das Botschaftsgebäude eindrang und dieses nicht sofort wieder verließ, wurde der Verteidigungsattaché Andreas von Mirbach erschossen. Seine Leiche konnte von zwei Polizisten aus dem Gebäude geholt werden, nachdem sie sich bis auf die Unterhosen ausziehen mussten. Drei weibliche Botschaftsangestellte wurden zu Hand-reichungen herangezogen. Die Terroristen füllten alle Papierkörbe aus Plastik mit Wasser und
verstopften die Toiletten mit Papier. In einem Kühlschrank brachten sie eine Sprengladung an. Die Geiseln mussten alle im Dienstzimmer des Botschafters auf dem Bauch liegen. Spät am Abend erhielten sie Wasser zu trinken und wurden gefesselt.
Nachdem eine der Frauen erneut einen Brief auf Maschine schreiben musste, wurden drei der weiblichen Botschaftsmitarbeiter freigelassen. Um 23.19 Uhr wurde der Handelsrat Hillegart gerufen und von den Handfesseln befreit. Er sollte einem Telefongespräch aus der Regierungs-kanzlei in Bonn zuhören. Ein Staatssekretär teilte den Beschluss der Regierung mit, den Forderungen der Terroristen nicht nachzugeben.
Dann fiel ein Schuss, der auch in Bonn zu vernehmen war: Hillegart war mit einem Genick-schuss ermordet worden. Wenige Minuten später, um 23.46 Uhr, erschütterte unerwarteter Weise eine gewaltige Explosion das Gebäude, der Kühlschrank war in die Luft geflogen und hatte das Botschaftsgebäude stark zerstört. Einer der Terroristen kam um, die anderen versuchten zu fliehen, wurden jedoch von der Stockholmer Polizei aufgegriffen und unmittelbar auf Beschluss der Regierung Palme in die BRD ausgeflogen; der Sprengexperte Hausner verstarb auf dem Flug in die BRD. Den Geiseln gelang es, das Gebäude zu verlassen, mehrere waren von herab fallenden Betonklumpen und durch Splitter stark verletzt. Die Geiselnahme war durch einen der
RAF-Terroristen aus Versehen selbst beendet worden.

Quelle: Hans Dalberg, Hundra år i Sverige, Stockholm o.J.(2000), S. 280 ff; Björn
Kumm, Terrorismens historia, Lund 1998 S. 207 ff sowie S. 232

Günther Politt