Deutsch-Schwedischer Verein
 Aktuelles
 Themen
 Bilder
 Gästebuch
 Mitglied-Login
 Impressum
 Kontakt
 Links
 
 
DEUTSCH-SCHWEDISCHER VEREIN GREIFSWALD E.V.
      
               Katastrophen, Seuchen und Mord in Schweden - Folge 8

Todesschüsse am 14. Mai 1931 in Ådalen



Ådalen in Ångermanland im nördlichen Schweden mit der Zellulose- und Papierindustrie und
seinen Sägewerken war 1930/31 von Produktionsstilllegungen, Lohnreduzierungen und
einer extrem hohen Arbeitslosigkeit besonders betroffen. Ein langwieriger Arbeitskampf
(Lohnkürzung) war innerhalb des Marmakonzerns ausgebrochen. Im Mai 1931 arrangierte
die Konzernleitung eine große Gruppe Streikbrecher, die per Schiff am 12. Mai in Lunde
eintraf, im Hafen einquartiert wurde und am 13. Mai mit der Beladung des Frachters „Milos“
an der Verladebrücke der Zellulosefabrik Sandviken begann. Spontan versammelten sich
große Menschenmassen im Raum Kramfors und zogen zur Fabrik; die meisten
Streikbrecher verließen das Schiff, einige wurden mit Zwang aus dem Schiff geholt.
Daraufhin wurde der Polizeischutz verstärkt und Militär aus Sollefteå, eine aus 60 Mann
bestehende Einheit unter Hauptman Mesterton, zum Schutz der Streikbrecherbaracke
angefordert.
Am 14. Mai - ein Donnerstag und Christi-Himmelfahrtstag - hatte die Transportarbeiter-gewerkschaft zu einer Protestkundgebung gegen Streikbruch nach Frånö eingeladen. Die zwischen 6 - 7 000 meist gewerkschaftlich organisierten Arbeiter riefen zur allgemeinen Arbeitsniederlegung bis zum Abzug der Streikbrecher auf und beschlossen eine Demon-stration zur Streikbrecherunterkunft in Lunde. Außerdem wurde ein „Fünfmannkommitee“, das mit den Gewerkschaftsvorständen im Distrikt das weitere Vorgehen gegen die Streikbrecher beraten soll, gewählt. Gegen 14 Uhr begann der Marsch von Tausenden Demonstranten an der Spitze ein Gewerkschaftsstander und zwei Fahnen und ein Blasorchester. Als der Zug nach etwa einer Stunde in Lunde ankam, eröffnete das Militär ohne Vorwarnung mit Handfeuer-waffen und einem Maschinengewehr das Feuer. Vier der Demonstranten - Erik Bergström aus Frånö, Viktor Eriksson aus Väja, Evert Nagren aus Brunne und der junge Seemann Sture Larsson aus Västervik - sowie die am Straßenrand stehende 21-jährige Eira Söderberg aus Svanö waren tot, fünf weitere Arbeiter wurden teils schwer verwundet. Das Feuer war erst beendet worden, nachdem einer der Musiker mutig „armeéns eld-upphör-signal“ geblasen hatte. Ein derartiges Blutbad an friedlich demonstrierenden Arbeitern hatte es bis dahin in Schweden und auch danach nicht gegeben. Es war Arbeitermord in der großen Weltwirt-schaftskrise.
Noch am gleichen Abend wurde ein Generalstreik für ganz Ådalen ausgerufen und eine
zentrale Streikleitung, gewählt, die bis zum 26. Mai für Ruhe und Ordnung sorgte. Der
Landshauptmann beorderte den Abtransport der Streikbrecher; die Regierung aber schickte
weitere militärische Verstärkung nach Ådalen, auf mehrfachen Druck gewerkschaftlicher
Deputationen wurde von ihm noch am Abend des 15. Mai auch das Militär zurückbeordert.
In ganz Schweden hatte sich ein Volkszorn ohne Beispiel in der Geschichte erhoben.
150 000 Demonstranten versammelten sich am 15. Mai zur größten Demonstration in der
Geschichte Schwedens. Am Tag der Beisetzung der Ermordeten am 21. Mai herrschte um
12 Uhr für 5 Minuten eine von der Gewerkschaftsführung angeregte totale Arbeits- und
Verkehrsruhe im Land. In Ådalen gaben 25 000 den Opfern das letzte Geleit. Es war eine
Manifestation ohne gleichen in der Geschichte der schwedischen Arbeiterbewegung.
Erik Blomberg publizierte am 17. Mai seine berühmte „Grabinschrift“:

Hier ruht
ein schwedischer Arbeiter.
Gefallen
in Friedenszeiten.
Waffenlos,
wehrlos.
Erschossen
von unbekannten Kugeln.
Das Vergehen war Hunger.
Vergesst ihn niemals.



Ådalen leitete schließlich in Schweden die politische Wende ein: die Regierung Ekman wurde 1932 abgewählt, P.A. Hansson mit seiner Idee vom „Volksheim“ neuer Staatsminister.
Und Streikbruch wurde 1935 per Gesetz untersagt. Bleibt noch anzumerken: der für den Feuerüberfall verantwortliche Hauptmann erhielt 8 Tage Arrest, Axel Nordström als Streikführer
wurde zu 2 ½ Jahren Strafarbeit, drei weitere Gewerkschafter aus Ådalen zu insgesamt 14 Monaten verurteilt.

Günther Politt