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DEUTSCH-SCHWEDISCHER VEREIN GREIFSWALD E.V.
      
               Katastrophen, Seuchen und Mord in Schweden - Folge 5

Martin Ekenberg, der Terrorist von Töreboda in Västergötland


Am 19. August des Jahres 1904 explodierte im Zentrum Stockholms, in der Hamngatan 8, die erste in der Welt belegte Briefbombe. Empfänger der Postsendung war Karl Fredrik Lundin, Direktor von Svenska Centrifugbolaget, der mit schweren Verbrennungen an Händen, Armen, Brust und im Gesicht dieses Attentat überlebte. Alle Fenster seines Büros barsten, Bilder wurden zu Boden gerissen, die Wände stark beschädigt. Mehrere seiner Büroangestellten wurden von den Stühlen gerissen und stürzten zu Boden. Der Direktor hatte an diesem Freitag gegen halb neun Uhr sein Direktionszimmer betreten und ein seit dem vergangenen Tag liegendes größeres Paket öffnen wollen. Darin befand sich eine kleine Schachtel mit zwei Haken. Als er den Deckel öffnen wollte, spürte er einen Widerstand, zog etwas stärker an, dann explodierte die Bombe.
Am 4. Mai 1905 entging der Hofgerichtsnotar Alfred Valentin in der Brahegatan einem ähnlichen Schicksal; er hatte die Sendung jedoch nicht angenommen; Opfer der Explosion wurden drei Angestellte der Postexpedition in der Linnégatan. Eine weitere Briefbombe traf am 9. Oktober 1909 den geschäftsführenden Direktor John Hammer von Sverges allmänna exportförening. Am 11. Oktober des gleichen Jahres entging der Chef der Lindholmens och Motala verkstäder in Göteborg einem ähnlichen Attentat; die Postsendung war aber vorher zur Polizei gebracht worden. In diesen Sommertagen kursierten in Stockholm Schreiben eines sog. Socialdemokraternas domstol (Gericht der Sozialdemokraten), mit denen Geschäfts-leuten angedroht wurde, für Vergehen an den Arbeitern zur Verantwortung gezogen zu werden. Es war die Zeit der großen Klassenauseinandersetzungen, dessen Höhepunkt der umfassende Generalstreik im Spätsommer 1909 war. In einem der Briefe hatte der Attentäter einen schweren Fehler gemacht und handschriftlich begründet, warum die Briefempfänger auf diese Weise bestraft werden sollten. Die Polizeispur führte zu Martin Ekenberg, einem hochintellektuellen und bekannten Erfinder, der 1905 nach London übergesiedelt war. Im Herbst 1909 wurde seine Auslieferung nach Schweden wegen Attentatsverdacht beantragt.
Martin Ekenberg, 1870 in Töreboda geboren, begann mit 15 Jahren als „diskpojke“ (Tellerwäscher) in einem chemischen Labor, studierte später in Stockholm an der Technischen Hochschule und erwarb in Königsberg (Ostpreußen) den Dr.-Titel für Messungen des Fettgehalts der Milch. In Göteborg entwickelte er eine gute Idee, billiges „sillolja“ (Heringsöl) zu Maschinenöl zu raffinieren; eine weitere Erfindung betraf die Fischkonservierung auf See; er gilt auch als Pionier der Trockenmilchherstellung und als Erfinder des Kaffeeextrakts, einer Art Pulverkaffee. Seine Erfindungen scheiterten aber an technischen Umsetzungsproblemen, wofür er offenbar die Direktoren verantwortlich machen und mit seinen Briefbomben bestrafen wollte.
Bei seiner Verhaftung fand man in der Wohnung, dem Kontor und dem Labor nicht nur
Ingredienzien für Sprengladungen, Aluminiumröhren und Zündanordnungen, wie sie in den
Briefbomben verwendet wurden, sondern auch eine kleine Druckerei mit Typen, wie sie in den
Schreiben des angeblichen sozialdemokratischen Gerichts verwendet wurden, und Reste einer
Zeitung, die im Briefpaket an John Hammer gefunden wurde. Kurz nachdem das Oberste Gericht in London im Februar 1910 auf Grund der Beweislage der Auslieferung stattgegeben hatte, wurde Ekenberg im Gefängnis von Brixton tot aufgefunden. Nach dem Obduktions-protokoll soll er infolge eines Schlaganfalls verstorben sein. Ein Bekenntnis der Taten hatte er nicht abgelegt. Der schwedische Detektivchef Gustaf Lidberg aber war von einem schwer nachweisbaren Gift als Todesursache überzeugt, nachdem bekannt wurde, dass Ekenbergs beide Ehefrauen jeweils in jungen Jahren unter besonders mystischen Umständen – vermutlich durch Gift – verstorben waren.
Untersuchungen aber hatten keinen Hinweis auf Vergiftungssymptome oder Giftspuren in
Ekenbergs Körper erbracht. In Schweden wurde Martin Ekenberg bald als „Teufel in
Menschengestalt“ (S. 24) bezeichnet, der rachsüchtig Selbstjustiz gegen Menschen verübte, die ihm im Wege standen, und das mit neuen Methoden des Terrorismus.

Quelle: Björn Kumm, Terrorismens historia, Lund 1998 ; Übers. GP 7

Günter Politt