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DEUTSCH-SCHWEDISCHER VEREIN GREIFSWALD E.V.
      
               Katastrophen, Seuchen und Mord in Schweden - Folge 6

Spanska sjukdom “(Spanische Krankheit) –
die verheerende Virusgrippe im Sommer 1918 „



Im Sommer 1918 wurde Schweden wie große Teile in Europa, Nordamerika und Afrika von der
bislang größten Grippeepidemie in der Menschheitsgeschichte erfasst. Erst Jahrzehnte später
identifizierten Wissenschaftler den Viruserreger als H1N1. H steht für das Protein Hämagglutin
(Eindringen in eine Zelle der Atemwege); N für das Protein Neuraminidase (für das Verlassen einer Zelle). Bislang sind 16 H- und 9 N-Subtypen bekannt. Diese Epidemie – die „Spanische Krankheit“ – erhielt ihren Namen fälschlicherweise infolge damaliger Medienberichte, denn im Mai 1918 tauchten erste Berichte über die Grippe in Spanien auf, die auch in Schweden übernommen wurden. Die Epidemie erreichte Schweden am 5. Juli mit ersten Erkrankungen in Malmö. Sie verbreitete sich rasend schnell. Im Unterschied zu anderen Grippeepidemien wurden Kinder und ältere Menschen weniger betroffen, in Schweden nahezu verschont. Vor allem Menschen im arbeitsfähigen Alter zwischen 20 und 40 Jahren waren ungeachtet ihres Gesundheitszustandes vom Virus erfasst.
Die Grippe forderte weltweit 40 Millionen Tote. Schätzungen sprechen sogar von 100 Millionen
Toten. Über 700 Millionen Menschen waren von ihr erfasst. Erste Anzeichen waren Kopf- und
Muskelschmerzen; es folgte hohes Fieber, später bräunliche Flecken im Gesicht und schwarz
verfärbte Füße. Es handelte sich um eine sehr ansteckende Influenza mit hohem Fieber, Husten, Schnupfen und Kopfschmerzen als Symptome. Besonders gefährlich an dieser Erkrankung aber waren die Folgeerscheinungen, insbesondere die Lungenentzündung, gegen die man damals keine effektiven Gegenmittel besaß.
In Schweden wurde 1918 über 516 000 Erkrankungsfälle berichtet. Die Zahl war jedoch bedeutend höher, da man zu dieser Zeit in großen Bevölkerungsgruppen nicht gewohnt war, den Arzt aufzusuchen. Die Grippe forderte in diesem Sommer 27 000 Todesopfer. Im Weltmaßstab verschwand die Grippe bereits nach mehreren Monaten, auch in Schweden. Jedoch kam es 1919 und 1920 zu neuen Ausbrüchen im Land. Die Zahl der Erkrankten war aber bedeutend geringer, die der Todesopfer erreichte die Zahl von 11 000. Damit starben in Schweden an der „Spanischen Krankheit“ 38 000 Menschen. Im kriegführenden Deutschland starben 1918 an der Grippe 250 000 Menschen, darunter Tausende Soldaten an der Westfront.
Krankenhäuser konnten in Schweden die hohe Zahl der Erkrankten nicht aufnehmen. Und so
wurden vielerorts Kasernen zu Notunterkünften umgewandelt. Behörden versuchten die
Ausbreitung der Grippe einzudämmen: Kinovorstellungen, öffentliche Tanzveranstaltungen und
Zusammenkünfte aller Art auch von politischen Parteien, Gewerkschaften und Vereinen waren
untersagt, aber es half kaum. Aus mehreren Städten wurde berichtet, dass Leichengefolge auf dem Weg zum Friedhof an Straßenecken aufeinander warten mussten.
Eine aktuelle Anmerkung: Jeffrey Taubenberger, ein Molekularbiologe der USA, hat vor kurzem mit Hilfe der Genanalyse den Erreger der Grippe von 1918 als den eines reinen Vogel-Virus
herausgefunden. Gegenwärtig ist daher die Gefahr einer sog. Pandemie, ausgelöst durch den
Erreger H5N1, also die Vogelgrippe, besonders Ernst zu nehmen.

Quellenangabe: Hans Dalberg, Hundra år i Sverige, Stockholm o.J. (2000) S. 82 ff./ Margit
Mertens, Pandemie-Hysterie oder Zeitbombe, in: Neues Deutschland vom 21. Januar 2006/
Folkets Dagblad Politiken, Stockholm 1918/ Stormklockan, Stockholm 1918.

Günther Politt